© Markus Stengel, Friedrichshafen – August 2000

Der Abgrund



„Wir warten.“
Verzweifelt überlegte Kai, was er sagen sollte. Die Fünf erwarteten eine Antwort. Eine gute Antwort. Wieso er getan hatte, was er getan hatte. Aber er war doch unschuldig! Wieso glaubte ihm keiner?
„Du hast ihn losgelassen, weil du sauer auf ihn warst. Du konntest es nicht verkraften, daß er erfolgreich ist, wo du versagst. Du haßt ihn dafür. Du hast auf Deine Gelegenheit gewartet, es ihm heimzuzahlen, und sie kam.“
Bei jeder Silbe stießen die Hörner kleine Stichflammen aus. Wäre das metallene Maul der Maschine in der Lage gewesen, Gefühle auszudrücken, wäre ihm pure Verachtung entgegengeschlagen. Doch das blieb ihm erspart.
„Hättest du ihn nicht wenigstens noch ein bischen länger halten können? Die Hilfe hätte ihn bestimmt rechtzeitig erreicht. Aber, nein, wenn ich es mir recht überlege – er war zu schwer und hätte dich im nächsten Augenblick mit hinuntergerissen.“
Die schöne Stimme der Dornenrose widersprach dem Inhalt ihrer Worte. Wäre nicht der letzte, zynische Nachsatz gewesen – Kai hätte sich in dieser Stimme für immer verlieren können.
Der Yeti und der Musiker nickten zustimmend. Wie war er nur in diese Lage, in dieses Strafgericht geraten?

*
„Halt dich gut fest Kai! Die Steine hier sind ziemlich glitschig.“
„Ja, ja, ich paß schon auf.“
Typisch Frank. Als ob er nicht längst selbst gemerkt hatte, daß seine Hände immer wieder abglitten. Daß ständig von ihm losgetretene Steine in die Tiefe stürzten. Ganz zu schweigen von denen, die Frank auf ihn herabregnen ließ.
Wie hatte er sich nur dazu überreden lassen können? Ein schönes, gemütliches Wochenende in den Bergen! Von wegen! Anstatt schön gemütlich in einer Berghütte zu sitzen und ein kühles Bier zu trinken, in alten Zeiten zu schwelgen und es sich gutgehen zu lassen, turnten sie hier mitten in den Felsen herum. Befestigte, gut gebaute Wege konnte man ja nicht nehmen, und Stufen – so was gab es doch gar nicht. Zumindest nicht für Frank. Wieso sollte man es sich einfach machen, wenn man es auch kompliziert haben konnte?
Gedankenverloren griff er daneben. Er rutschte ab. Mit einem Schlag holte ihn die Wirklichkeit wieder ein. Voller Panik griff er um sich. Ein Stein, eine Ritze, ein Vorsprung, irgendwas mußte es doch geben!
Jemand schrie. Unwichtig. Was zum festhalten! O Go...
Eine starke Hand ergriff die seine und zog ihn hoch. Auf einmal lag er auf dem Bauch. Sein Herz schlug Stakkato. Das Atmen fiel ihm schwer.
Ein Schatten fiel auf ihn. Langsam erkannte er Franks besorgtes Gesicht. Er sagte irgendetwas...
„... hast du mir einen Schrecken eingejagt! Da sind wir noch gar nicht oben, und du beschließt bereits, den Express nach unten zu nehmen...“
Kai hörte nicht weiter zu. Frank mit seinem Geschwafel! Immer locker, immer gut drauf. Er wäre fast gestorben, und der Herr riss Witze!

*

„Er hat dich sogar gerettet! Und so dankst du ihm das?“
Der Yeti klang ungläubig. Eigentlich klang er das die ganze Zeit. Doch es gab verschiedene Stufen und Nuancen, hatte Kai herausgefunden. Ungläubig-desinteressiert, ungläubig- interessiert, ungläubig-vorwurfsvoll, ungläubig-verächtlich und viele viele mehr. Warum konnten sie ihn nicht einfach in Ruhe lassen?
Er blinzelte. Zum wievielten Male, das wußte er nicht. Er versuchte sich zu erinnern, wie lange er schon hier war. Es gelang ihm nicht. Er wußte nicht einmal, wo er war, geschweige denn, wie er hier hergekommen war. Das Licht blendete ihn. Aber nur ihn. Das war auch nicht wirklich verwunderlich – schließlich schien keinem der anderen eine Lampe ins Gesicht. Wie bei einem Verhör in einem schlechten amerikanischem Film. Nur daß er hier offensichtlich der Hauptdarsteller, und kein Zuschauer war.
„Ihr dürft nicht so streng mit ihm sein. Er kann nichts dafür. Er ist nun einmal ein Versager. Was kann er schon? Er kann rechnen, schreiben, lesen. Er war in der Schule immer der Beste. Aber das ist auch alles. Er ist nicht gut in Sport. Er hat keine Freundin. Sein Unternehmen ist bankrott, und das obwohl er alles getan hat, was möglich war. Er weiß das, und ich weiß das auch. Sein ganzes weiteres Leben wird er immer nur versagen. Ihn trifft keine Schuld...“
„Du nimmst diesen Mörder, diesen miesen, kleinen, feigen Mörder auch noch in Schutz? Er hat es mit voller Absicht getan. Du!“
Die Maschine wandte sich von dem Musiker ab und starrte ihn an – oder zumindest kam das, was sie tat, Starren so ähnlich, wie das bei einem Gesicht ohne Augen nur möglich war.
„Du bist, oh, Verzeihung, warst neidisch auf ihn, nicht wahr? Er hat eine Traumfrau als Freundin, hat keine Geldsorgen und hat viele gute Freunde. Er ist überall beliebt und wird sogar auf die Geburtstagsfeiern seiner Angestellten eingeladen. Dabei hat er das doch gar nicht verdient, stimmt’s?“
Kai wurde rot. Er wollte widersprechen, sagen, nein schreien, daß das nicht stimmte. Doch er konnte nicht. Es war wahr. Nein, es war nicht wahr! Nicht so...
„Du hättest an seiner Stelle sein sollen. Schließlich warst du immer der Bessere in der Schule. Du hattest die besseren Noten, verstandest dich gut mit den Lehrern. Zu Dir kamen alle, wenn Sie fragen hatten. Du bist intelligenter als er, und klüger.“
Unglaublich, wie sanft die Maschine klingen konnte. Und was sie sagte, war wahr. Er hätte an Franks stelle sein sollen. Frank war der Verlierer.
„Sie werden es herausfinden. Sie werden feststellen, daß es kein Unfall war. Daß du ihn noch hättest halten können. Daß du ihn mit voller Absicht hast fallen lassen.“
Der Schwarze Mann sprach nicht zum ersten Mal in all der langen, furchtbaren Zeit, die dieses Verhör bereits andauerte. Aber wie zuvor lief Kai ein kalter Schauer über den Rücken.
„Sie werden dich anklagen. Sie werden dich verurteilen. Du kommst ins Gefängnis. Freundesmörder haben dort keine Freunde. Deine Mitgefangenen werden Dir Dein Essen wegnehmen. Sie werden dich verspotten und verachten. Sie werden dich verprügeln. Und dann...“
Der Schwarze Mann bleckte die Zähne. Seine schwarzen Zähne blitzen. Irgendwie seltsam, daß das möglich war...
„Dann werden Sie das mit Dir tun, was du so gerne mit Monique tun würdest. Nur wird es irgendwie – anders – sein.“
Kai schluckte. Krampfhaft versuchte er, nicht daran zu denken, wovon der Schwarze Mann sprach. Nicht an seine Träume von Franks Freundin zu denken, der wohl schönsten Frau, die er jemals gesehen hatte, die schönste Frau, die es gab.
„Aber werden sie den Mord als solchen erkennen? Man könnte das doch auch als Unfall mit tödlicher Folge ansehen, oder wie das nochmal heißt.“
„Nein, Dornenrose.“
Der Schwarze Mann klang sehr selbstsicher.
„Es wird nicht verborgen bleiben. Sie werden es sehen, wenn Sie ihn fragen. Wenn Sie ihm in die Augen blicken...“
„Die Augen eines feigen, miesen, neidischen Mörders!“, warf die Maschine ein.
„... werden sie es sehen.“. Der Schwarze Mann fixierte Kais Blick. Kai glaubte, in diesen schwarzen Augen zu ertrinken.
„Doch, sollten sie es ihm nicht beweisen können – unwahrscheinlich, aber nehmen wir es einmal an...“ Der Schwarze grinste böse. „Die, die ihn kennen, werden es wissen. Und sie werden sich von ihm abwenden. Alle! Dann bleibt Dir...“
Er sprach wieder zu ihm. Wie gebannt lauschte Kai seinen Worten.
„... von den wenigen Freunden, die du hast, kein einziger! Selbst Deine Eltern werden dich nicht mehr sehen wollen. Wer weiß, vielleicht bricht ihnen sogar das Herz?“
Der Schwarze Mann dachte einen Moment nach.
„Ja, bestimmt wird es so kommen. Ihr Sohn, das Vorzeigekind, das klügste im ganzen Land, ist ein Mörder. Was werden die Leute sagen? Seht mal, das sind die Schultes, die mit dem klugen Sohn. Ja, der Mörder aus der Zeitung. War doch klar, daß das mal so enden sollte, nicht wahr? Eine Weile werden sie es vielleicht ertragen, doch irgendwann wird es ihnen zuviel werden.“
„Denk an das schwache Herz Deines Vaters. Er verträgt Streß doch nicht gut. Und das... Du bist dann nicht nur der Mörder deines besten Freundes, sondern auch noch Schuld am Tod Deines Vaters. Das könnte man ja direkt mit dem bekannten Sprichwort Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen beschreiben! Oder, würde man das als Aufstieg bezeichnen können? Frei nach Wer nach oben steigt, tritt viel nach unten? Vom Freundes-Killer zum Vatermörder?“
Oh, warum konnte Sie nicht einfach still sein? Immer, wenn Dornenrose sich in das Gespräch, oder besser, den Monolog an Schulzuweisungen, einschaltete, trafen ihre Äußerungen ihn mitten ins Herz. Kai wollte im Boden versinken, mitsamt dem Stuhl, auf den er gefesselt war. Er wollte einfach nur fort, fort von diesem Ort mit diesen komischen Kreaturen, die ihn nur quälen wollten. Wieso war nur alles so gekommen? Hätte er nichts tun können?

*

„Geht’s wieder?“
„Ja, ja, geht schon.“
Kai blickte sich um. Toll, wirklich toll. Berge und Grün. Dasselbe, was sie auch von der Hütte aus hatten sehen können. Nur halt noch mehr von oben. Dabei hatte er sich unten schon gelangweilt.
„Wieso mußten wir hier überhaupt hoch? Und warum auf..“ Kai wies mit dem Arm nach unten. „... diesem verfluchten Weg? Gibt’s hier keine Treppen, oder wenigstens einen Weg mit dem Auto? Frank!“
Sein Freund wandte sich ihm überrascht zu.
„Entschuldigung, hast du was gesagt? Die Berge sind so schön von hier oben!“
Erneut wandte Frank sich ab und blickte sich um. Ruhig stand er da und ließ den Blick von links nach rechts schweifen.
Neidvoll betrachtete ihn Kai. Wie durchtrainiert der war! Er keuchte noch immer von dem schweren Aufstieg, und der war schon wieder ausgeruht. Das war einfach unfair.
„Was genau findest du an diesen blöden Bergen? Die kannst du auf jeder beschissenen Postkarte bewundern, die du da unten an der Hütte kaufen kannst. Ohne sich derart anzustrengen, und erst recht ohne fast umzukommen!“
Bedauern zeigte sich auf Franks Miene.
„Du spürst das wirklich nicht? Die Freiheit, die Größe und Allmacht der Natur? Die Schönheit der Schöpfung, ihre Einmaligkeit? Das gibt Dir keine Postkarte und kein Film! Man muß es erleben. Sieh mal dort...“
Frank zeigte auf einen kleinen Berg schräg rechts vor ihnen.
„Siehst du, wie dicht er mit Wald bewachsen ist? Wie viele Tiere dort wohl leben? Hunderte, Tausende? Was glaubst du...Ahh!“
Frank hatte einen Schritt zur Seite gemacht, wohl um seinem Freund Platz zu machen, damit er besser sehen konnte. Bei seiner Rede hatte er wohl völlig vergessen, daß sie nur auf einem kleinen Vorsprung standen, jedenfalls trat er ins Leere. Schwankend kämpfte er um sein Gleichgewicht. Er ruderte mit den Armen.
Kai grinste. Irgendwie sah das komisch aus. Wie ein Pinguin, der zu fliegen versucht... Er mußte ihn halten! Die Erkenntnis traf Kai mit der Wucht eines Hammerschlags. Sein Freund würde zu Tode stürzen. Panisch griff er nach ihm. Das konnte nicht sein, das durfte nicht sein!
Seine Hand fand Franks Arm. In diesem Moment verlor dieser vollends das Gleichgewicht und verschwand unter dem Vorsprung. Kai wurde von der Wucht auf den Boden gerissen, doch er schaffte es irgendwie, ihn nicht loszulassen. Rasend schnell glitt er auf die Kante zu. Gleich würde er auch hinübergleiten, und dann...
Er rutschte nicht mehr weiter. Franks Gewicht riss ihm schier den Arm aus, doch die Kante kam nicht mehr näher. Allerdings lag er nur noch halb auf dem Vorsprung, von seinen Achseln aufwärts hing alles in der Luft.
„Laß mich nicht los! Oh, scheiße!“ Panik schwang in Franks Stimme mit.
Allmählich konnte Kai wieder klar denken. Er war schwerer als Frank, das hielt ihn wohl hier auf dem Vorsprung. Doch er war nicht annähernd so stark wie sein Freund. Sein Gewicht begründete sich zum größten Teil um seinen Bauchnabel. Und sein Körper hatte sich keine Muskeln dafür ausgesucht...
Seine Arme schmerzten. Er hatte Frank inzwischen auch mit der anderen Hand ergriffen. So ging es zumindest, aber lange würde er ihn nicht halten können.

*

„Wieso konntest du ihn nicht lange halten?“
Kai wollte antworten. Er wollte es wirklich. Noch nie in seinem Leben hatte er ein derartiges Bedürfnis verspürt, etwas zu sagen. Er wollte ihnen sagen, daß er nicht stark war. Daß seine Arme bereits vom Aufstieg wehtaten. Sein Körper schmerzte von dem plötzlichen Sturz auf dem Vorsprung.
Doch wie schon zuvor konnte er nicht antworten. Irgendetwas hinderte ihn am Sprechen.
Die Maschine wandte sich von ihm ab den anderen zu.
„Er konnte ihn nicht halten! Ein junger, gesunder Mann! Bereits in diesem Moment plante er seine spätere Tat. Er...“
Würden sie ihn überhaupt anhören? Oder war das Urteil schon gefallen?

*

Er schwitzte am ganzen Körper. Die Sonne brannte heiß, sein Atem ging schwer. Frank mußte ihm gleich die Arme ausreißen. Sie taten furchtbar weh. Was war er doch schwer!
Frank hatte vorhin versucht, sich an ihm emporzuziehen, mußte jedoch aufgeben, da Kai weiter auf den Rand zugerutscht war. In der derzeitigen Lage hielt sich ihr Gewicht die Waage. Aber eine kleine Bewegung konnte das schnell ändern. Der überhängende Vorsprung bewirkte, daß Frank sich nirgendwo abstützen konnte, sondern vollständig auf Kai als Halt angewiesen war.
„Ich kann nicht mehr!“, stöhnte Kai.
„Laß mich bloß nicht fallen!“. Franks Stimme zitterte. Den ersten Schrecken hatte er überwunden. Jetzt hatte er nur noch Angst. Angst, zu fallen und zu sterben. Angst, zu fallen und als Krüppel zu überleben. Angst, daß es doch einen Gott gab und er nicht gut gewesen war. Einfach Angst.
Kais Hände waren schweißnass. Langsam begann sein Freund ihm aus der Hand zu gleiten.
„Oh Scheiße, halt dich doch fest!“
Frank versuchte es. Doch auch er war völlig erschöpft und sein Griff kraftlos. Er rutschte ab.

*

Kai zuckte zusammen. Noch immer konnte er den Schrei hören. So kurz und doch so lang. Doch das war nicht das Schlimmste gewesen. Schrecklich war die Abruptheit, mit der er aufhörte. Wie eine Lampe, die jemand ausknipste. So plötzlich. So endgültig. Die entsetzliche Stille, die folgte, schien endlos und erdrückend. Irgendwann begannen die Vögel wieder zu singen.
Er war lange Zeit einfach liegengeblieben und hatte in die Tiefe gestarrt. Dorthin, wo irgendwo sein bester Freund sein mußte. Wie lange das gedauerte hatte, wußte er nicht.
Schließlich war er in der Lage gewesen, sein Handy aus der Hosentasche zu ziehen und Hilfe zu rufen. Jemand war gekommen – er glaubte, es waren zwei Männer gewesen – und hatten ihn irgendwie nach unten gebracht.
Er war erst im Krankenhaus wieder richtig zu sich gekommen. Die Verletzungen, die er sich während dem Sturz auf dem Plateau zugezogen hatte, waren behandelt worden. Alles nichts Schlimmes, nichts, was nicht auch von sich aus geheilt wäre.
Dann hatte es ihn getroffen. Gnadenlos und schonungslos. Im Film gab es immer Freunde und Verwandte, oder doch zumindest schöne Ärztinnen, die sich ihrer Patienten liebevoll annahmen, sich um sie kümmerten. Hier gab es nur eine Schwester, die gleich nach seinem Erwachen verschwunden war. Vermutlich um den Arzt zu holen.
„Wer bleibt schon gerne in der Gesellschaft eines Mörders? Wer weiß, vielleicht hast du etwas erzählt, als du bewußtlos warst? Etwas, daß sie nicht hören durfte? Etwas, weswegen sie sich jetzt vor dir fürchtet?“
Woher wußte er, was er dachte? Konnten diese – Dinger – Gedankenlesen? Der Schwarze Mann lächelte süffisant. Offensichtlich konnte er es. Aber wie?
„Möglicherweise hast du von deinem Neid erzählt. Wie sauer du bei eurem Aufstieg auf ihn warst. Daß er mit seinen verrückten Ideen...“ Er sprach mit Franks Stimme! „... zum Teufel gehen sollte?“
„Aber, man könnte das Ganze auch anders sehen“ Dornenrose strahlte ihn an. „Du wirst berühmt! Stell Dir das doch mal vor! Ganze Heerscharen von Journalisten werden Dir Unsummen für die Exklusivstory bieten. Der Stern, der Fokus, der Spiegel, die Bild... Wenn du geschickt bist, wirst du reich. Während der Sommerzeit sind gute Geschichten schwer zu finden. Sommerloch nennen sie das, glaube ich. Was kommt da besser, als eine Tragödie wie aus dem Film? Der Artikel wird in etwa so sein: junger Mann neidet bestem Freund Erfolg – Freund kommt in Not – der Mann lässt ihn fallen. Dazu noch ein paar Hintergrundberichte über dich und deine Familie – vielleicht eine Großbildaufnahme? Ein Bild von deinem Haus? Mit dem Untertitel Hier wohnte der junge Kai A. (Name von der Redaktion geändert).“
Kai wand sich. Krampfhaft versuchte er den Mund zu öffnen. Ihr zu sagen, daß sie aufhören sollte.
Unbeeindruckt fuhr sie fort: „Kai, du wirst die Rettung des Sommers sein! Die Chefs der großen Medienkonzerne werden jeden Abend Gott für dich danken. Sie können eine ganze Serie aus dir machen. Erst werden sie Dutzende anderer gleicher Fälle auflisten. Dann werden sie Zusammmenhänge aufzeigen, wie sie waren alle übergewichtig, oder sie waren alle ausnehmend gut in der Schule doch im Leben Versager, oder, wenn ihnen gar nichts mehr einfällt, er verwendete seit Jahren Haarwaschmittel, das in der Nähe eines Atomkraftwerkes hergestellt wurde. Wer weiß? Vielleicht kommt die seit Jahren festgefahrene Debatte um die Bildungsreform wieder in Schwung. Und dir haben es die Schüler dann zu verdanken, daß sie ein paar neue Computer und Schulbücher bekommen, vielleicht werden sogar ein paar neue Lehrer eingestellt!“
„Ihr seid zu hart zu ihm!“ Der Musiker meldete sich wieder zu Wort. „Er konnte nichts machen. Ihn trifft keine Schuld...“
„Keine Schuld?“ Rasselnd und dampfend unterbrach ihn die Maschine. Ihre kleinen Hörner spien Flammen. „Keine Schuld? Er konnte nichts machen? Wieso konnte er denn sein Handy nicht früher auspacken und Hilfe rufen? Den kurzen Moment hätte er Frank bestimmt an einem Arm halten können. Schließlich hat er ihn mehr als fünf Stunden mit beiden halten können. Nein!“
Sie baute sich vor Kai auf. Der heiße Dampf blies ihm ins Gesicht und er glaubte zu ersticken.
„Er hat das mit voller Absicht getan. Er wollte ihn nicht retten. Er wollte ihm eine Lektion erteilen, ihn auf seinen Platz verweisen. Oh, ich gebe Dir recht...“ Sie nickte – nickte? – dem Musiker zu. „Er wollte ihn vermutlich nicht wirklich töten. Nur so ein kleines bischen. So als Mahnung. Um ihm zu zeigen, wo sein Platz ist. Aber, tja, ein kleines bischen Töten gibt es leider nicht. Nur ganz Töten. Und das hat er getan. Darum ist er ein mieser, kleiner, fetter und feiger Mörder! Gib es endlich zu!“
Sie sah ihn erwartungsvoll an. Die anderen ebenso. Kai antwortete nicht. Wozu auch? Er würde eh nichts sagen können.
Das Schweigen dauerte den anderen zu lange. Der Yeti ergriff wieder das Wort:
„Hast du gar nichts zu sagen? Nicht einmal Abstreiten willst du es? Bist du selbst dazu zu feige?“
Schweigen.
„Offensichtlich. Fällt Dir etwa nichts ein? Dem besten Schwätzer – pardon, Diskutierer – der Schule? Der, der stets eine Antwort wußte? Aber vielleicht bist du gar nicht so gut, wie alle immer dachten. Womöglich hast du das nur immer gespielt? Eine Rolle, die du perfekt beherrschst. Schließlich ist Dir auch nicht in den Sinn gekommen, dein Handy zu ziehen und Hilfe zu rufen.“
Der Musiker räusperte sich. Fragend wandten sich die anderen ihm zu. Er sprach leise. Kai sollte es wohl nicht hören. Aber es war laut genug.
„Seid doch nicht so gemein zu ihm. Wollt ihr ihm auch noch das letzte nehmen, was ihm geblieben ist? Was ist er denn noch, wenn er sich nicht einmal mehr auf seine Leistungen in der Schule berufen kann? Ein Nichts, eine Null, eine Niete, ein völliger Versager. Wir sollten mehr Rücksicht...“
„Mehr Rücksicht!“, polterte die Maschine. „Wir sind hier kein Kaffeekränzchen oder eine Gruppe von Großmüttern, die davon redet, daß sich ihr Enkel in die Hose gemacht hat! Wir haben hier einen Mörder...“
„Es war ein Unfall...“
„Ach, halt deine Klappe! Ich habe mir deine blödsinnigen Äußerungen lange genug angehört, und wir sollten endlich das Urteil verkünden!“
„Dazu müssen wir uns doch erst einmal beraten! Wir haben noch gar nicht beraten...“
„Was gibt es da noch zu beraten? Bezweifelt hier jemand, daß dieser Mörder schuldig ist?“
Die Maschine blickte in die Runde. Nacheinander verneinten alle Mitglieder der Versammlung. Der Musiker als Erster.
„Gut, dann sind wir uns ja einig.“
Die Maschine wandte sich Kai zu.
„Gibt es noch etwas, was wir wissen sollten? Wenn ja, dann sprich jetzt!“
Kai öffnete den Mund.
Oh Gott, nein!
„Gut, es hätte eh nichts mehr ändern können. Die Beweislast ist erdrückend...“
Wie erstarrt saß Kai auf seinem Stuhl. Wer hatte da gesprochen? Er war es nicht gewesen. Das war auch nicht seine Stimme gewesen. Sie klang vertraut.
Und sie hatte das falscheste gesagt, was nur irgendwie möglich war. Den anderen schien es nicht aufgefallen zu sein. Oder es interessierte sie nicht. Bestimmt war es ihnen egal.
Der Schwarze Mann und die Maschine traten auf ihn zu. Sie packten ihn an den Schulten.
„Wir haben nach intensiver Beratung einstimmig befunden, daß du schuldig bist. Wir werden das Urteil sofort vollstrecken.“
Die beiden rissen ihn hoch. Die Fingernägel der Maschine bohrten sich schmerzhaft in seine linke Schulter. Sie begannen ihn zu schütteln. Immer schneller, immer heftiger.
Das...“

*

„... können sie doch nicht machen! Der Junge hat einen schweren Autounfall hinter sich. Er braucht Ruhe und Erholung!“
„Ich ... Entschuldigung...“
Seine Mutter ließ ihn los. Ihr Gesicht war voller Tränen. Sie lachte glücklich. Und weinte.
„Kai!“
Seine Mutter? Hier? Was machte sie hier? Die Hütte war viele Stunden Autofahrt von daheim entfernt. Sie konnte doch unmöglich...
„Kai! Hörst du mich?“
Sie sprach zu ihm. Er sollte wohl antworten. Er versuchte zu sprechen.
Es ging nicht.
Kai versuchte es wieder.
Nichts.
„Kai! Hörst du mich?“
Er konnte nichts fühlen. Gar nichts. Angst durchflutete ihn.
Ein Gesicht zeigte sich über ihm. Es gehörte einem Mann in weißem Anzug – ein Arzt? Er blätterte in einer Akte, die er in der Hand hielt. Dann sah er auf die Uhr an seiner linken Hand.
„Das geht wohl im Moment nicht. Das Betäubungsmittel, mit dem wir ihn ruhig gestellt haben, wirkt noch etwa eine Stunde. Vorher kann er nicht einmal den kleinen Zeh bewegen, geschweige denn sprechen. Bei einem Trauma wie diesem kann es auch noch etwas länger dauern.“
Er bemerkte den beunruhigten und den ängstlichen Blick der beiden Schultes.
„Oh, keine Angst“, fügte er schnell hinzu. „Das wird schon wieder. Ganz sicher.“
Ernst sah er Kai an.
„Ihr habt alle beide gewaltiges Glück gehabt. Noch nie habe ich gehört, daß jemand einen Sturz aus einer derartigen Höhe in einem Wagen überlebt hat. Und mit so glimpflichen Folgen! Keine zerstörten Körperteile, keine Querschnittslähmungen, keine Toten. Wäre das Auto explodiert, wäre wohl nicht viel von euch übriggeblieben.“
Der Arzt blickte auf etwas neben ihm. Kai versuchte seinem Blick zu folgen, aber er konnte lediglich die Augen bewegen. Unscharf konnte er ein weiteres Krankenbett neben sich erkennen. Jemand schien darin zu liegen.
„Deinem Freund geht es gut. Besser als dir. Er ist schon vor ein paar Stunden aufgewacht.“ Ein paar Stunden? „Er schläft jetzt. Bald ist er wieder auf den Beinen. Wie du.“
Erleichtert blinzelte Kai. Frank lebte und war gesund. Und ihm würde es auch bald wieder gutgehen. Alles war in Ordnung.
Er hatte wohl nur schlecht geträumt. Aber was für ein Alptraum war das gewesen! So... real.
„Wie konnte das nur passieren? Die Straße ist doch schnurgerade. Sogar ich hatte keine Probleme, und du weißt ja, was dein werter Herr Vater immer über meine Fahrkünste sagt...“
Kai hörte seiner Mutter nicht länger zu. Langsam kehrte seine Erinnerung zurück. Frank und er hatten ein Wochenende in dieser Berghütte gebucht. Auf dem Weg waren sie in ein Gasthaus eingekehrt, hatten sich ein paar Bier genehmigt und die Aussicht genossen. Frank hatte sich nicht so wohl gefühlt, deswegen hatte Kai das Steuer übernommen.
Seltsam. Die Straße war erstaunlich kurvig gewesen. Zumindest konnte er sich erinnern, daß er ständig am Lenkrad drehen mußte. Der Rest lag im dunkeln.
Erschöpft schlief er ein.
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