„Hätten außer den Fujiwara auch andere Familien im Japan der Heian-Zeit den Kaiserhof dominieren können?“
Hausarbeit im Rahmen des Proseminars Geschichte von Frau Dr. Meyer im Sommersemester 2004 am Seminar Japanologie der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Tübingen
Stand: 28.09.2004
Adresse: Markus Stengel
Herrenberger Str. 22
72070 Tübingen
Inhaltsverzeichnis
Einleitung 3
1. Historischer Präzedenzfall 3
2. Aufstieg der Fujiwara 4
3. Sicherung der Macht 5
3.1. Gefahren 5
3.2. Heiratspolitik 6
4. Gegenspieler der Fujiwara 7
4.1. Sugawara Michizane 7
4.2. Kaiser 8
4.2.1. Kaiser Kammu 9
4.2.2. Kaiser Go-Sanjō und Shirakawa 9
5. wichtige Fujiwara 10
5.1. Fujiwara Yoshifusa 10
5.2. Fujiwara Michinaga 12
6. Problematische Zeiten für die Fujiwara 12
7. Einfluss der Frauen 13
Schlussfolgerung 14
Literaturverzeichnis 15
Mit besonderem Augenmerk auf die Bedeutung der Heiratspolitik soll in dieser Arbeit untersucht werden, ob außer den Fujiwara auch andere Familien im Japan der Heian-Zeit den Kaiserhof hätten dominieren können. Untrennbar mit der Beantwortung dieser Fragestellung ist verbunden, wie die Fujiwara überhaupt ihre starke Position erreichen konnten, wie sie herausgefordert wurden und wie sie sich verteidigten.
Im Folgenden wird wo möglich die deutsche Übersetzung für japanische Begriffe verwendet. Da jedoch oft eine wirklich treffende Übersetzung nicht möglich ist, wird der japanische Begriff wo nötig zusätzlich noch in kursiver Schrift angegeben. Namen werden in deutscher Schrift wieder gegeben, wobei der Nachname, also der Familienname, vor dem Vornamen genannt wird, das übliche „no“ dazwischen wird ausgelassen. Sowohl die japanischen Begriffe als die Namen werden in der Hepburn-Notation geschrieben, als Kalender wird durchgängig der gregorianische verwendet und Belegquellen werden am Ende des ersten Satzes, ab dem sie gelten sollen, aufgeführt.
Bereits vor den Fujiwara gab es eine Familie, die die anderen Familien beherrschte: Die Soga. Sie waren koreanischer Abstammung und gewannen auf Grund ihres Anteils an der Verwaltung der kaiserlichen Ländereien an Einfluss (vgl. Beasley 2000: 14).
In diese Position gelangten sie, als sie die konkurrierende Familie Mononobe im Bürgerkrieg 587 besiegten (vgl. Beasley 2000: 21). Die Soga waren Förderer des Buddhismus, der von mehreren Familien abgelehnt wurde, darunter auch von den Nakatomi, den späteren Fujiwara. Der Hauptverbündete der Soga war Shōtoku Taishi1, der 593 zum Regenten für die Kaiserin Suiko ernannt worden war.
Die Machtfülle der Soga war so groß, dass sich bereits 640 eine Opposition gegen sie gebildet hatte (vgl. Beasley 2000: 22-23). Schließlich kam es zu einer Verschwörung zwischen dem Familienoberhaupt der Nakatomi, Kamatari, dem späteren Gründer des Hauses Fujiwara, und dem Prinzen Nakanoōe, dem Sohn der regierenden Kaiserin Kyōgoku. 645 kam es dann zum Staatsstreich, der so genannten Taika-Reform2. Dabei wurden die beiden wichtigsten Führer der Soga, unter ihnen auch das Familienoberhaupt Soga Iruka, getötet.
Der Grundstein des Einflusses der Fujiwara wurde bereits mit der Taika-Reform gelegt. Da ihr Gründer Nakatomi Kamatari am Staatsstreich beteiligt war, waren sie dem Kaiserhaus fortan auf besondere Weise verbunden.
Nakanoōe, der spätere Kaiser Tenchi, belohnte sie reichlich: Neben dem Verleih des Namens Fujiwara erhielt Kamatari zusammen mit seinem Sohn Fubito Unterhaltsbewilligungen für 16.000 Haushalte – ein beachtliches Vermögen, das ihre Position gegenüber den anderen reichen Familien stärkte (vgl. McCullough 1999: 47-48). Die Reformen der Taika-Reform, die den Thron stärkten, garantierten auch den Nachkommen Kamataris den Rang und die kaiserliche Unterstützung, die für das Erreichen höher Ämter benötigt wurde (vgl. Beasley 2000: 34). Fubito trug als erster den Namen Fujiwara, seine Söhne gründeten die vier Zweige des Hauses Fujiwara, von denen sich der nördliche Zweig als der mächtigste erweisen sollte. Seine Nachkommen verbrachten die nächsten drei Jahrhunderte hauptsächlich mit der Festigung ihrer Stellung am Hof (vgl. Morris 1964: 47). Geprägt war diese Zeit vom Kampf gegen andere Familien, gegen den buddhistischen Klerus und zwischen den Fraktionen in der eigenen Familie.
Die besondere soziale Stellung de Fujiwara wurde 729 formal anerkannt, als Kōmyōshi als erste Frau nicht kaiserlicher Abstammung den Titel der Kaiserin (kōgō) erhielt (vgl. McCullough 1999:, 48). Eine weitere Bevorteilung erhielten die Fujiwara 792, als Kaiser Kammu eine Direktive erließ, die es Fujiwara-Männern erlaubte, Töchter von Kaisern zu heiraten, wohingegen andere Adlige auf Enkelinnen oder noch spätere Generationen beschränkt waren.
Einen Versuch Kaiser Sagas, die kaiserlichen Ansprüche auf Herrschaft gegenüber den großen Familien zu stärken, überstanden sie nicht nur, sondern gingen gestärkt daraus hervor (vgl. Beasley 2000: 35): Nach dem Umzug des Hofes von Nara nach Heian schuf dieser nach dem Vorbild mehrerer großer Familien – auch der Fujiwara – die Hofkanzlei (kurōdo-dokoro), die außerhalb des ritsu-ryō-Staates lag. Diese Kanzlei übernahm einen beträchtlichen Anteil der Regierungsgeschäfte der Ministerien und gab Saga so wieder mehr Kontrolle, jedoch passten sich die Adelshäuser an. Schlussendlich konnten die Familien eine derartige Einrichtung besser nutzen, da ihr Handlungsrahmen anders als der des Kaisers nicht streng vom Protokoll eingeschränkt war.
Zunächst jedoch gelang es Kaiser Saga und seinem Nachfolger Kaiser Junna, eheliche Verbindungen mit den Fujiwara zu vermeiden, was ihren direkten, persönlichen Einfluss auf den Thron unterband (vgl. McCullough 1999: 35). Sie schafften es auch, ein ausgeglichenes Verhältnis von konkurrierenden Familien in höheren Rängen und Ämtern herzustellen.
Doch die Fujiwara ließen sich nicht aufhalten. Sie waren die reichste aller Familien und hatten zudem besonderen familiären Einfluss und Anrecht auf bestimmte Ämter auf Grund ihrer Verwandtschaft zum Kaiserhaus (vgl. Beasley 2000: 35). In der ersten Hälfte des zehnten Jahrhunderte hatte sich der Einfluss der Fujiwara schließlich gefestigt (vgl. McCullough 1999: 33).
Doch so mächtig die Fujiwara auch wurden, sie versuchten anders als andere derart einflussreiche Familien in der Welt nie, sich selbst in der Monarchie an die höchste Stelle zu setzen (vgl. Morris 1964: 47-48)
Obwohl die Fujiwara militärisch sehr schwach waren, gelang es ihnen erstaunlich lange, mögliche Gefahren frühzeitig zu erkennen und auszuschalten (vgl. Morris 1964: 52-54).
Zunächst waren da andere ehrgeizige Familien, und die frühe Geschichte der Fujiwara besteht zum großen Teil aus ihren erfolgreichen Bemühungen, Rivalen aus dem Weg zu räumen. Dies gelang ihnen durch den Einsatz unterschiedlicher Mittel, z.B. beschuldigten sie Rivalen der Ketzerei oder des versuchten Staatsstreiches. Wie machtlos die anderen adligen Familien dem gegenüber waren zeigt sich am Beispiel Sugawara Michizanes. Selbst sein posthumer Erfolg (s. 4.1) konnte nicht von ihnen ausgeschlachtet werden: “In the event they [Fujiwara] had little difficulty in disposing of subsequent challenges from aristocratic families” (Morris 1964: 54).
Eine weitere Gefahr, die von den Fujiwara auch sehr ernst genommen wurde, war die Machtzunahme militärischer Familien in den Provinzen (vgl. Morris 1964: 55). Zwei Jahrhunderte lang schafften sie es jedoch, diese Gefahr zu bannen, indem sie sich der Stärke der Minamoto bedienten3.
Völlig unterschätzt hingegen wurden die Auswirkungen von Streitigkeiten zwischen Fraktionen der eigenen riesigen Familie, die die Fujiwara mehr schwächten als jeder einzelne andere Faktor und direkt für ihren Untergang verantwortlich werden sollten.
Die letzte Gefahr, der die Fujiwara politisch auch ihre größte Aufmerksamkeit widmeten, war ein starker Kaiser, der die Macht zurückforderte, die ihm gesetzlich zustand (vgl. Morris 1964: 52). Diesen versuchten sie durch vier verschiedene Mittel zu kontrollieren (vgl. Morris 1964: 49-50): Parallele Höfe, frühe Abdankung, Einsetzung im Kindesalter und Heiratspolitik.
Indem es stets neben dem Kaiserhof die Höfe abgedankter Kaiser und Kaiserinnen gab, wurde die Macht, der Reichtum und die Autorität des Kaisers aufgeteilt4 (vgl. Morris 1964: 49). Dass es diese gab lag insbesondere an dem Zwang zur frühen Abdankung, damit die Kaiser nicht zu eigenständig werden konnten5. Zu Fujiwara Yoshifusas Zeiten (804-872) wurde dieses System mit der Einführung von Kindkaisern, für die ein Regent (sesshō bzw. kampaku6) die Regierungsgeschäfte übernahm, noch weiter ausgebaut.
All diese Maßnahmen zur Kontrolle der Kaiser und der Einflussnahme in der Politik der Heian-Zeit waren jedoch nicht von der Bedeutung wie die Heiratspolitik.
Die Heiratspolitik der Fujiwara hatte neben der unmittelbaren, persönlichen Einflussnahme auf den Kaiser noch weitere gewichtige Gründe. So wurden anders als in China Ämter nicht durch Eignungstests vergeben, sondern durch die Geburt wurde bereits festgelegt, in welche Ämter man aufsteigen konnte (vgl. Morris 1964: 69-70), der Rang bestimmte also die soziale Stellung und – ganz besonders wichtig – das Einkommen (vgl. Morris 1964: 64).
Die Fujiwara hatten einen großen Teil der hohen Ränge und Ämter inne, und das dadurch akkumulierte Einkommen machte sie zur reichsten Familie im Land (vgl. Morris 1964: 74; Beasley 200: 35). Tatsächlich wird von manchen als wirkliche Stärke der Fujiwara ihre wirtschaftliche Macht angesehen (vgl. Morris 1964: 72-73). Doch da die wirtschaftliche Macht einer Familie – neben ihrem privaten Landbesitz – zum Gutteil durch die von ihren Mitgliedern gehaltenen Ränge und Ämter bestimmt wurde, war es von essentieller Bedeutung, möglichst viele und möglichst hohe dieser zu erlangen – und eine hohe Geburt war die Grundvoraussetzung dafür.
Es war Nakatomi Kamataris Sohn Fubito, der durch die Heirat einer Tochter von Kaiser Kommu eine für Jahrhunderte anhaltende Tradition begründete: Generation um Generation von Fujiwara-Töchtern wurde in die kaiserliche Linie verheiratet, was dazu führte, dass ein junger Kaiser oder Thronfolger eher als nicht einen Fujiwara als Schwiegervater hatte, und zusätzlich einen als Großvater mütterlicherseits (vgl. Beasley 2000: 34-35). Dies konnten die Fujiwara zu ihrem Vorteil nutzen, indem sie ihre verwandtschaftlichen und ehelichen Beziehungen zum Kaiser nutzten, um Einfluss auf Ernennungen zu nehmen.
Das glückte nicht immer: Heiratspolitik setzte voraus, dass es stets genügend verheiratbare, gebärfähige und einigermaßen attraktive Fujiwara-Mädchen gab (vgl. Morris 1964: 49). Im 11. Jahrhundert starb eine Reihe von Fujiwara-Mädchen jung, waren unfruchtbar oder hatte keine Söhne. So kam mit Go-Sanjō ein nicht-Fujiwara Kaiser auf den Thron, der als erster erfolgreich begann, die Position der Fujiwara dauerhaft zu schwächen (s. 4.2.2).
Sugawara Michizane (845-903) gilt als der berühmteste Gegenspieler der Fujiwara (vgl. Morris 1964:53). Er nahm nach dem Tod Fujiwara Mototsunes 891 gewichtigen Anteil an dem Versuch von Kaiser Uda, die kaiserliche Macht wieder herzustellen (vgl. Beasley 2000: 36-37)7. Als herausragender Gelehrter und Staatsmann verlief seine Karriere zunächst genau wie die seiner direkten Vorfahren: Er begann mit bescheidenen Rang, stieg jedoch durch Reputation als Gelehrter und Fähigkeit im Amt auf.
Nach seinem Universitätsabschluss hielt er zunächst mehrere kleine Posten, die alle ein außerordentliches Verständnis des Chinesischen erforderten. 877 wurde er Professor für chinesische Literatur, 886 folgte seine Ernennung zum Provinzgouverneur – eine eher bürokratische Karriere nach chinesischem Vorbild als eine aristokratische. Nach seiner Rückkehr in die Hauptstadt wurde er von Kaiser Uda als geeignet angesehen, um Anteil an der Beschneidung der Macht der Fujiwara zu nehmen.
Dank Udas Unterstützung wurde Michizane weit über seine Erwartungen hinaus befördert: 899 war er Minister zur Rechten und somit ein Mitglied des Staatsrates – ein Aufstieg, wie er zuvor kaum vorgekommen war.
Doch alle Bemühungen fruchteten letzten Endes nicht. 897 dankte Uda ab und Michizane verlor die Sicherheit kaiserlicher Unterstützung. 901 wurde er des Komplotts gegen den neuen Kaiser beschuldigt, seiner Ämter enthoben und ihm ein Posten in Kyushu zugewiesen, was gleichbedeutend mit Exil war. Die Vorherrschaft der Fujiwara war wieder hergestellt.
Allerdings war dies nicht das Ende von Michizanes Einfluss auf die Politik: Als er 903 in Kyushu starb, suchten Stürme und Erdbeben die Hauptstadt heim, für die sein wütender Geist verantwortlich gemacht wurde. Um ihn zu besänftigen, wurde er posthum begnadigt und in einen höheren Rang befördert. 40 Jahre später wurde dann zu seinen Ehren ein Shinto-Schrein in Kitano in Kyoto errichtet – der konfuzianischste aller Minister war zu einem kami geworden, den Prüfungskanditen noch heute um Beistand anrufen.
Durch die Jahrhunderte hinweg waren die Kaiser die stärksten und gefährlichsten Gegner der Fujiwara: Sie hatten die Macht und das Ansehen, das nötig war, um sich ihnen entgegenzustellen, da der Kaiser immer noch von zentraler Bedeutung8 für das politische System war. So mussten selbst die Fujiwara ihn – zumindest öffentlich – mit geziemenden Respekt behandeln (Beasley 2000: 37).
Das wohl frühste Beispiel kaiserlicher Opposition ist Kaiser Kammu, der letzte Kaiser Naras und erste Heians. Bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts lag die Macht im Lande sowohl beim Kaiser als auch beim Staatsrat, dem daijōkan, der aus einer Reihe adliger Familien bestand (vgl. McCullough 1999: 25). Nach dem Sturz von Fujiwara Nakamaro (706-764) aus dem südlichen Zweig des Hauses Fujiwara gelangten Männer von geringeren, „bürokratischen“ Familien in zentrale Positionen der Regierung, was eine Kontrolle des Kaisers durch einzelne Familien deutlich erschwerte (vgl. McCullough 1999: 25-26).
Kaiser Kammu und sein Vater waren beide von den Fujiwara unterstützt worden, doch in den frühen Jahren von Kammus Regierungszeit waren die meisten einflussreichen Fujiwara gestorben, und Kammu stellte sicher, dass ihre Nachfolger keine Vorherrschaft am Hofe erlangen konnten. Kammu, der nicht mit den Fujiwara blutsverwandt war, schaffte dies, indem er wichtige Posten entweder mit Prinzen oder gar nicht besetzte (vgl. McCullough, 26-27). Seine Bemühungen waren aber nicht von dauerhaftem Erfolg: Nach Kammus Tod im Jahre 806 begannen die führenden adligen Familien, insbesondere die Fujiwara, unverzüglich wieder in die höchsten Ämter aufzusteigen (vgl. McCullough 1999: 33).
Die Fujiwara hielten die Amtszeit der Kaiser kurz, da sie weniger fügsam werden konnten, sobald sie das mündige Alter erreichten (vgl. Beasley 2000: 37-38). Abdankung war aber eine zweischneidige Waffe für die Regenten, da ehemalige Kaiser – wenn sie es denn wollten – so die Gelegenheit bekamen, Einfluss auf ihre Nachfolger, insbesondere ihre Söhne, zu nehmen. Der erste, der einen signifikanten Vorstoß in diese Richtung unternahm war Kaiser Go-Sanjō (1034-1073).
Go-Sanjō war einer der seltenen Monarchen ohne Fujiwara-Mutter, der 1068 aufgrund eines Mangels an geeigneten Fujiwara-Kandidaten den Thron besteigen konnte. Er häufte privaten Landbesitz (shōen) für das Kaiserhaus selbst an, um es vom staatlichem Einkommen unabhängiger zu machen. Sein Sohn Shirakawa (1053-1129) führte diesen Prozess fort und blieb auch nach seiner Abdankung 1087 noch politisch aktiv.
Eine weitere Stärkung ihrer Position schafften Go-Sanjō und Shirakawa, indem sie das in-no-chō schufen, eine private Verwaltungsstruktur, die den Einrichtungen der Fujiwara und anderer großer Familien sehr ähnlich war. Das in-no-chō verwaltete den Familienbesitz, es wickelte die Verwaltungsarbeit der die Landrechte ab und schuf einen eigenen Apparat von Beamten, von denen einige auch Posten innerhalb der formellen Regierungsstruktur hatten. Auf diese Weise wurde eine Machtbasis geschaffen, die sehr derjenigen ähnelte, die die Fujiwara bereits besaßen. So kam es, dass es in der späten Heian-Zeit zwei private Netzwerke gab, die von verschiedenen Gruppierungen innerhalb der Aristokratie getragen wurden: Das des ehemaligen Kaisers und das des Fujiwara Regenten.
Um verstehen zu können, wieso es anderen Familien nicht vergönnt war, die Fujiwara in ihrer Vorherrschaft am Hof abzulösen, ist es hilfreich zu wissen, gegen wen sie sich hätten durchsetzen müssen. Exemplarisch sollen im folgenden die zwei Fujiwara behandelt werden, die die Vorherrschaft der Fujiwara begründeten und sie auf den Höhepunkt ihrer Macht brachten.
Fujiwara Yoshifusa (804-872) war das Oberhaupt des nördlichen Zweiges des Hauses Fujiwara (vgl. McCullough, 36). Bereits eine Woche nach Kaiser Sagas Tod ersetzte er den Kronprinz durch einen seiner Neffen, den späteren Kaiser Montoku. Dass ihm dies gelang wird auch als Anfang vom Ende kaiserlicher Herrschaft in Japan gewertet.
Die Thronbesteigung des 13-jährigen Montoku im Jahr 850 stärkte nicht nur die Position der Fujiwara gegenüber anderen Familien am Hofe, die nach und nach aus den hohen Ämtern verdrängt wurden9, sondern stellte insbesondere auch einen Wendepunkt für die Geschicke des nördlichen Zweiges der Fujiwara dar (vgl. McCullough 1999: 45). Anschließend zwang Yoshifusa anscheinend Montoku, anstatt seines eigenen Sohnes Koretaka den nur acht Monate alten Seiwa zum Kronprinzen zu ernennen. Dies half Yoshifusa, seine Position weiter zu stärken, da er bei der Thronbesteigung Seiwas als Großvater des regierenden Kaisers noch größere Macht haben würde (vgl. McCullough 1999: 49).
Nachdem er 854 zum Minister zur Linken ernannt worden war, konnte Yoshifusa 857 mit seiner Ernennung zum Großkanzler (dajō-daijin) einen noch größeren Sieg feiern. Zwar war mit dem Amt nominell keine Macht verbunden, jedoch gab es kein Amt, das höheres Ansehen genoss. Dies wird insbesondere daran deutlich, dass das Amt vor ihm bereits 90 Jahre lang nicht mehr besetzt gewesen war, weswegen dieser Zeitpunkt von manchen als Beginn der Regentschaft der Fujiwara angesehen wird.
858 bestieg mit Seiwa der erste Kindkaiser10 den Thron, und Yoshifusa wurde als Erster von nicht-kaiserlicher Abstammung zum Regenten (sesshō) ernannt; der Hof befand sich nun vollständig unter seiner Kontrolle.
Yoshifusa häufte seine Macht jedoch nicht nur an, sondern wusste sie durchaus auch zu gebrauchen: 866 brannte das Ōtemmon, das Haupttor zum Regierungsgerichtshof, unter mysteriösen Umständen ab. Minamoto Makoto, ein Verwandter von Yoshifusa, wurde der Tat beschuldigt. Yoshifusa intervenierte, und am Ende wurde Makoto freigesprochen und statt dessen zwei der ältesten Familien am Hofe – die Ki und die Tomo – von den Zentren der Macht am Hofe entfernt (vgl. McCullough 1999: 49-50).
Als Yoshifusa 872 starb, hatte er Macht und Ansehen in noch nie da gewesenem Ausmaß erlangt (vgl. McCullough 1999: 51). Tatsächlich unterschied sich seine Stellung kaum von der des Kaisers selbst.
Fujiwara Michinaga (966-1028) gilt als der großartigste aller Fujiwara11 (vgl. Beasley 2000: 36). Bei seinem Aufstieg kam ihm das Glück zu Hilfe: Mehrere hochrangige Adlige, die mit ihm um das Amt des Regenten hätten konkurrieren können, starben während einer Epidemie im Jahr 995. Den noch verbliebenen Konkurrenten, seinen jüngeren Bruder Korechika, konnte er nach einem in einem Missverständnis begründeten bewaffneten Angriff auf den abgedankten Kaiser Kazan politisch ausschalten (vgl. McCullough 1999: 68).
Obwohl Michinaga allgemein als der Fujiwara-Regent schlechthin gilt, hatte er selbst den Posten des Regenten nur für ein Jahr (1016-1017) inne. Ansonsten begnügte er sich damit, die Regierung durch seine „privaten Inspektionsrechte“ (nairan12) und seine Ministerämter zu kontrollieren.
Michinaga hatte vier Töchter, von denen er drei mit Kaisern und eine mit einem Kronprinzen verheiratete (vgl. Beasley 2000: 36). Dies ermöglichte es ihm, ein durchaus beachtenswertes Kunststück zu vollbringen: Auf dem Höhepunkt seiner Karriere 1019 war der abgedankte Kaiser sein Schwiegersohn, der regierender Kaiser sein Enkel, und der Kronprinz war Schwiegersohn und Enkel zugleich.
Trotz ihrer Machtfülle, ihrer Umsicht und ihrem politischen Geschick gab es auch für die Fujiwara schwierige Zeiten. So waren z.B. die Kaiser nicht immer einfach zu handhaben. Sogar Kindkaiser konnten Schwierigkeiten bereiten, wie das Beispiel Kaiser Yōzeis zeigt (vgl. McCullough 1999: 51-53):
Kaiser Yōzei (869-949), Sohn Kaiser Seiwas, regierte von 876 bis 884. Es ist nicht viel über ihn bekannt, doch anscheinend verfolgte er unorthodoxe Interessen und war zumindest für den Tod eines Höflings verantwortlich. Tief blicken lässt, dass der Ausspruch „Remember that I can do anything to anybody“ (McCullough 1999: 52) als für ihn charakterisierend angeführt wird. Tatsächlich wird sein Verhalten als so unziemlich angegeben, dass Yoshifusa aus Protest einige Monate nicht im Palast erschien und so die Regierungsgeschäfte zum Erliegen brachte. Schließlich brachte der Mord das Fass zum Überlaufen: Yoshifusa zwang Yōzei zur Abdankung.
So unangenehm und peinlich Yōzei für die Fujiwara war, politisch viel gefährlicher war die Kinderlosigkeit einiger Fujiwara. Aufgrund der Bedeutung der Heiratspolitik war Kinderlosigkeit eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die Vormachtsstellung der Fujiwara am Hof. Während ein Mangel an Söhnen durch Adoption behoben werden konnte13, wurde ohne verheiratbare Töchter die Beziehung zum Kaiserhaus schwächer. Tatsächlich waren auch die Kaiser ohne Fujiwara-Mütter diejenigen, die sich gegen die Fujiwara stellten14.
Frauen hatten großen Einfluss auf die aristokratische Kultur, deren Zentrum der Kaiserhof war (vgl. Morris 1964: 44). Da die Kaiser eine entscheidende Rolle in der Förderung und im Erhalt der traditionellen Kultur Japans spielten, war es kein Zufall, dass fast alle nennenswerten weiblichen Schriftsteller des 10. und 11. Jahrhunderts Kammerfrauen an dem einen oder anderen Hof der Kaiserinnen waren. Viele berühmte literarische Werke entstanden in der Zeit, unter anderem auch das „Genji Monogatari“ (vgl. Morris 1964: 12-13).
Frauen waren vom öffentlichen Leben, der persönlichen unmittelbaren Teilnahme an der Politik und dem Bildungssystem größtenteils ausgeschlossen. Insbesondere durften sie nicht Chinesisch lernen, was aber – in literarischer Hinsicht – schlussendlich zu ihrem Vorteil wurde: Da kulturell gebildete Männer Chinesisch lernen und sich zu literarischen Zwecken verwenden mussten, konnten sie sich nicht so frei, elegant und gestalterisch ausdrücken wie in ihrer Muttersprache. Frauen dagegen benutzten die so genannten kana, mit denen sich Japanisch zumindest phonetisch exakt festhalten ließ .
Doch übten sie nicht nur kulturellen, sondern auch politischen Einfluss aus. So war es vor der Heian-Zeit Sitte, dass falls der Kaiser starb und der Thronfolger noch nicht erwachsen war, seine Mutter oder seine Schwester die Regierungsgeschäfte übernahmen bis er alt genug war (vgl. McCullough 1999: 51). Durch die Einführung der Regentschaft wurde dies aber als unnötig angesehen und ihnen so unmittelbarer Einfluss auf die Politik entzogen.
Machtlos waren sie deshalb aber nicht. Im Vergleich zu anderen Ländern der Welt hatten sie auf Grund ihres Recht, Privatbesitz zu haben und davon zu profitieren eine sehr starke Position inne (vgl. Morris 1964: 77-78). Dies gab Frauen ein Ausmaß an Unabhängigkeit, das später nie wieder erreicht wurde. Des Weiteren scheinen insbesondere Schwestern entscheidenden Einfluss auf ihre Brüder in der Gesellschaft der Heian-Zeit gehabt zu haben (vgl. McCullough 1999: 53).
Beispielsweise scheint Kaiser Kōkō seine Ernennung Mototsunes Adoptivschwester Shukushi verdankt zu haben. Sie war die Mutter des späteren Kaisers Uda, dem sie auch die Thronbesteigung ermöglichte (vgl. McCullough 1999: 54).
Sogar der berühmte Michinaga scheint seinen Aufstieg der Unterstützung einer Frau verdankt zu haben (vgl. McCullough 1999: 67-68): Fujiwara Michitaka (953-995) schaffte es nicht, seinen Sohn Korechika – den jüngeren Bruder von Michinaga – zum Regenten ernennen zu lassen. Als möglicher Grund wird der Widerstand seiner Schwester Senshi genannt, die einflussreiche Mutter von Kaiser Ichijō. Sie war es auch, die Michinagas Anspruch auf die Regentschaft stützte, nach der Korechika strebte.
Als letztes Beispiel sei der Fall Kaiser Heizeis genannt: Bereits vor seiner Thronbesteigung 806 soll er eine skandalöse Beziehung mit Fujiwara Kusuko, der Mutter einer seiner Gemahlinnen gehabt haben (vgl. McCullough 1999: 33-35). Sie und ihr jüngerer Bruder Nakanari übten großen Einfluss auf ihn aus und könnten hinter den erzwungenen Selbstmorden von Heizeis jüngerem Bruder Prinz Iyo und seiner Mutter, eine Fujiwara des südlichen Zweiges des Hauses der Fujiwara, gesteckt haben. Die beiden waren der angeblichen Verschwörung zur Rebellion gegen die Regierung bezichtigt worden, und als Folge wurden führende Mitglieder des südlichen Zweiges aus einflussreichen Ämtern entfernt. Dass sich unter ihnen wichtige Rivalen von Nakanari und Kusuko befanden, die beide aus dem zeremoniellen Zweig des Hauses Fujiwara entstammten, war ihnen außerordentlich dienlich..
Letztlich war es keine der anderen Familien am Hofe, die es wirkungsvoll schaffte, die Herrschaft der Fujiwara in Frage zu stellen, sondern die kaiserliche Familie selber (vgl. McCullough 1999: 71-72). Hier zeigt sich die essentielle Bedeutung der Heiratspolitik in der Heian-Zeit: Als keine Blutsverwandtschaft zwischen dem Kaiser und dem nördlichen Zweig der Fujiwara mehr bestand, entglitt ihnen die Kontrolle des Hofs. Dennoch ist es erstaunlich, wie scheinbar mühelos die Fujiwara ihre Konkurrenten in Schach hielten. Lediglich Sugawara Michizane scheint ihnen gefährlich geworden zu sein – und auch er schaffte es nur Dank der starken Unterstützung von Kaiser Uda.
Folgende Sekundärliteratur wurde verwendet:
Beasley, William G.: The Japanese Experience. A Short History of Japan. 3. Auflage. Berkley; Los Angeles: University of California Press, 2000.
Craig, Helen; McCullough, William H. (Hrsg.).: Aristocratic Culture. Cambridge History of Japan Bd. 2. Cambridge; New York: Cambridge University Press, 1999. S. 390-448.
McCullough, William H.: The Heian Court. Cambridge History of Japan Bd. 2. Cambridge; New York: Cambridge University Press, 1999. S. 20-96.
Morris, Ivan: The World of the Shining Prince. London: Oxford University Press, 1964.
Keene, Donald: Seeds in the Heart. Japanese Literature from earliest times to the late sixteenth century. Canada: Fizhenry & Whiteside Ltd., 1993.
1Shōtoku Taishi wird seit dem Altertum verehrt, als seine größten Leistungen werden die Einführung der 12 Mützenränge, der 17 Artikelverfassung und die Entsendung von Gesandtschaften nach China angesehen (vgl. Beasley 2000: 21)
2Die Taika-Reform beschränkte sich nicht auf einen Staatsstreich, sondern wurde von einer Reihe von Reformen gefolgt, die darauf abzielten, die Position des Kaisers zu stärken. Tatsächlich wurde allerdings die Position der großen Familien gestärkt, die das Ansehen des Kaisers zur Verfestigung ihrer eigenen Stellung nutzen konnten (vgl. Morris 1964: 43).
3Sie gerieten jedoch in immer größere Abhängigkeit von den Minamoto und anderer militärischer Familien aus den Provinzen, was schließlich ihren Untergang herbeiführte (vgl. Morris 1964: 88).
4986 gab es außer dem Hof von Kaiser Ichijō noch drei andere Kaisehöfe (Morris 1964: 49)
5Das Aufziehen der Kronprinzen im Anwesen der Fujiwaras bescherte ihnen zusätzlichen, frühzeitigen persönlichen Einfluss (vgl. Morris 1964: 49).
6Sesshō war der Regent für einen minderjährigen Kaiser, kampaku der eines erwachsenen Kaisers. Die Nachkommen von Fujiwara Mototsune, dem Sohn Yoshifusas, monopolisierten die beiden Ämter bis zur Kamakura-Zeit (1185-1333), als sie von anderen Zweigen des Hauses Fujiwara besetzt wurden (vgl. Beasley 2000: 35)
7In der angegebenen Quelle wird dies so dargestellt, jedoch ist die Jahreszahl (991) falsch, was beim Vergleich mit weiterer Literatur (vgl. McCullough 1999: 51) und unter Berücksichtigung des Kontextes jedoch auffällt.
8Z.B. war die Regentschaft, die die Fujiwara zur Ausübung ihrer Macht nutzten, von einem gewissen „ad-hoc“-Charakter: Das Amt war nicht erblich, sondern ein neuer Regent musste vom Kaiser neu ernannt werden (McCullough 1999: 76).
9Wie effektiv Yoshifusa und seine Nachkommen sich anstellten, lässt sich an dem Anteil von Ministern und Vizeministern (kugyō), die sie stellten, erkennen: 850 waren vier von 19 Fujiwara, 872 sieben von 18, 972 elf von 19. 1028 waren 22 von 25 Fujiwara und die restlichen drei allesamt Minamoto waren, die durch Heirat mit Fujiwara Michinaga eng verwandt waren (vgl. McCullough 1999: 45).
10Die Tatsache, dass Seiwa und sein Sohn Yōzei als Kindkaiser auf den Thron kamen, lässt deutlich erkennen, dass zu ihrer Zeit die Stellung des Kaisers sich von der des tatsächlich Machthabenden unterschied (vgl. McCullough 1999: 51).
11Fujiwara Michinagas Geschichte wird in der Chronik „Eiga Monogatari“ des 11. Jahrhunderts erzählt (vgl. Beasley 2000: 36)
12nairan war von Kaiser Uda eingeführt worden, seine Machtfülle ähnelte der kampaku und war zum ersten Mal an Sugawara Michizane und Fujiwara Tokihira verliehen worden (vgl. McCullough 1999: 56)
13Ein Beispiel ist Yoshifusas Sohn Mototsune, der eigentlich sein Neffe war (vgl. McCullough 1999: 51)
14Beispiele sind Kaiser Uda und Kaiser Go-Sanjō